Schon drei Tage saß Narysha nun in dem alten, heruntergekommenen Fährhaus fest – und noch immer gab es keine Anzeichen, dass die Fähre über den Östlichen Arm des Kanolya endlich wieder über den Fluss kommen würde. Eigentlich war die junge Magd rechtzeitig vom Gehöft in Shae’brach aufgebrochen, um genug Zeit für die Reise nach Tawash zu haben und ihr Ziel noch vor Beginn des Ziegenmarktes zu erreichen – aber mit dieser Verzögerung hatte sie nicht gerechnet. Und wenn nicht spätestens morgen die Fähre kommen würde, wäre es wohl zu spät. Narysha wagte kaum sich auszumalen, wie es wäre, wenn sie mit leeren Händen nach Shae’brach zurückkäme – Meister Noman konnte sehr grausam sein, wenn sein Gesinde nicht spurte. Und er hatte nur allzu deutlich gemacht, dass er diese schwarze Ziege brauchte – und zwar jetzt, nicht erst nächstes Jahr. „Wenigstens“, so versuchte Narysha sich Mut zu machen, „wird die Tracht Prügel noch einige Tage auf sich warten lassen.“ Der westliche Arm des Kanolya, der zwischen Drellins Fährhaus und Shae’brach lag und den sie auf dem Weg hierher durchwatet hatte, war mittlerweile, seinem monatlichen Zyklus von Flut und Niedrigwasser entsprechend, angeschwollen und unpassierbar geworden – der Rückweg war also mindestens für die nächsten 10 Tage versperrt.

Zumindest war Narysha nicht die Einzige, die im Fährhaus zwischen den Flüssen festsaß. Offenbar hatte sich die Kunde, dass die Fähre nicht fuhr, noch nicht herumgesprochen, denn in den letzten Tagen waren mehr und mehr Reisende eingetroffen, die auf dem Weg nach Tawash waren und noch immer kamen weitere, so dass das kleine Fährhaus längst mit Besuchern überfüllt war. Da gab es eine Gruppe Traumpriester aus der Akademie, in ihren geheimnisvollen Roben, die nicht müde wurden, Yesubion und Somnabula anzurufen, sie möge ihnen endlich die Passage ermöglichen  – anscheinend hatten auch sie es sehr eilig, nach Tawash zu kommen. Eine Gruppe Sumpfläufer aus allen Teilen des Sumpfes war ebenfalls hier zusammengekommen und schien  eine Art Ratstreffen abzuhalten – jedenfalls waren sie peinlich bedacht darauf, dass ihre gewisperten Gespräche nicht das Ohr der anderen Gäste erreichten. Goblins streiften ums Haus, schlugen sich in die Sümpfe und kehrten doch immer wieder zurück – konnte es sein, dass sogar sie derzeit nicht in der Lage waren, die Umgebung des Fährhauses zu verlassen? Und dann waren da noch diese düsteren Gesellen, die immer wieder laut verkündeten, alle Anwesenden sollten dankbar sein für diesen Aufenthalt in den Tiefen des Sumpfes – es handle sich um Geschenk Ras’Kanols, des Sumpfkönigs, das mit Demut zu empfangen sei.

Was es genau war, dass die Rückkehr der Fähre vom Ufer in Tawash abhielt, wusste indes keiner der Anwesenden zu erklären – auch der Fährmann selbst hüllte sich in tiefes Schweigen. „Sie wird schon kommen!“ – das war das Einzige, was aus ihm herauszubekommen war. Und so richtete Narysha sich auf eine weitere Nacht der Ungewissheit ein – im Fährhaus zwischen den Flüssen.