Wenn die Nacht kam, dann verschlossen die Menschen am Rand des Sumpfes die Türen und die Fensterläden – denn draußen, im Sumpf, da lauerten Gefahren. Und in der Nacht kamen sie auch an die Behausungen der Sumpfbewohner, kratzten an den Türen und rüttelten an den Fensterläden – das war bekannt. In der Regel blieb es dabei, zumindest  seit Ravik den Herrn des Sumpfes überwältigt und ihn seiner Macht beraubt hatte. Die Alten – sie erzählten andere, düstere Geschichten. Von wandelnden Toten, von Bauernhäusern, die der Sumpf sich einverleibte und davon, wie der Schrecken nicht an der eigenen Türschwelle halt macht…

Die Geschichten, die Nala auf dem Markt in Tvorch gehört hatte, beunruhigten sie daher zutiefst, als sie in der Abenddämmerung ihre Hütte am Rand der Marschen, nur wenige Schritte vom Schwarzen Arm des Kanolya entfernt, erreichte. Alles hatte viel zu lang gedauert – das Feilschen mit den Händlern des Burgherrn, die wie immer so gut wie nichts für die drei Sack Schuppenflechte bezahlen wollten, die Orik aus dem Sumpf geholt hatte. Die Diskussion mit Radegar vom Witwen- und Waisenfonds, der seinen Anteil forderte, für den Giftmarkt. Und alle hatten davon erzählt, dass sich oben bei Grellins Fähre zwei Tote erhoben und ein Bauernhaus angegriffen hatten – wie in einer der Geschichten, die ihre Großmutter früher erzählt hatte, von Ras’Kanol und seinen schaurigen Dienern. Dann noch der überflutete Weg am Tvorcher Bruch, der sie gezwungen hatte, mit ihrem Handkarren und dem auf den Rücken gebundenen Baby einen Umweg von einer Stunde in Kauf zu  nehmen.

Die Tür der Hütte knarrte, als sie sie aufschob. „Orik?“ rief sie in das Dunkel, das die Hütte bereits am frühen Abend erfüllte. Offenbar war er noch nicht zurück. Kein Wunder – die Mondblüten müssten heute Nacht in voller Blüte stehen und erst letzte Woche hatte er eine Feuchtwiese entdeckt, die voll davon stand – könnte er dies alles abernten und noch vor dem Giftmarkt an einen der Großhändler verkaufen, würden sie im Winter keinen Hunger leiden müssen. Vermutlich würde er heute Nacht gar nicht nach Hause kommen. Behutsam legte Nala das Baby, das längst in dem um ihren Körper gewundenen Tuch eingeschlafen war, in seine Wiege und machte sich daran, das Feuer anzuschüren. „Es ist so dunkel“, dachte sie bei sich. Als sie sich gerade daran machte, dünne Späne und Rindenstücke im Herd zu schichten, hörte sie das Geräusch zum ersten Mal – wie ein Schnaufen oder ein Ächzen. Von draußen? Oder aus der Schlafkammer? „Orik?“ rief sie noch einmal. War er doch schon zubhause – hatte sich kurz hingelegt, bevor er in die nächtlichen Sümpfe hinauszog? Keine Reaktion. Nala erhob sich und öffnete vorsichtig  die Tür zur Schlafkammer – keiner da. „Ich sollte die Läden schließen, es ist schon spät“, sagte sie und wunderte sich im selben Moment, dass sie diesen Gedanken laut geäußert hatte – es war doch niemand außer ihr und dem schlafenden Baby hier. Zügig schloss sie die Läden der Fenster in Schafkammer und Wohnstube und legte den schweren Riegel vor die Tür. Da hörte sie es wieder: ein Ächzen gefolgt, von einem Klacken, wie wenn ein paar kleine Steinchen auf Holz stoßen. „Der Wind“, dachte Nala und machte sich wieder an die Arbeit. Seltsame Geräusche und böse Gedanken vertrieb man am besten durch Licht und Wärme, soviel hatte sie in ihren siebzehn Jahren am Rande der Kanolya-Marschen gelernt. Wenige Minuten später   prasselte ein gemütliches Feuerchen im Herd und sie konnte daran gehen, Kerzen anzuzünden und die Wohnstube behaglich zu machen. Da hörte sie das dritte Geräusch. Zunächst war es wie ein langgezogenes Stühnen, dann folgte – dieses Mal ganz deutlich und unverkennbar – ein zögerliches langsames Klopfen, das schneller wurde… mindestens 8 Mal schlug es gegen die Tür der Hütte. Nala spürte, wie sie am ganzen Körper zu zittern begann. Doch zwang sie sich, die Angst niederzuringen. Ihre Finger schlossen sich um das Metall des Schürhakens, al sie laut fragte: „Wer da?“Als Antwort erklang erneut ein Ächzen vor der Tür – und ein weiteres Klopfen, dieses Mal stärker und bestimmter – und wie von mehreren Händen gleichzeitig. Mit einem Zipfel ihres zerschlissenen Kleides wischte Nala sich den kalten Schweiß von der Stirn. Dann schob sie die Wiege in die Schlafkammer. Als sie wieder in die Wohnstube trat, klopfte es erneut – doch dieses Mal klang es nicht nach einem Klopfen, mit dem man Einlass begehrt, dieses Mal waren es Schläge, die gegen die Hüttentür donnerten – Schläge, die darauf abzielten, die Tür zu durchbrechen. Nala nahm ihren Mut und ihre ganze Kraft zusammen und schob den schweren Esstisch vor die Tür, an die nun immer lauter gepoltert wurde. Dann nahm sie den Schürhaken in die rechte Hand und ein brennendes Holzscheit in die linke und erwartete das Bersten der Tür.

Doch da hörte sie das Splittern von Holz – nicht von vorne, sondern aus der Schlafkammer! Rasend vor Angst rannte sie nach hinten, gerade rechtzeitig um zu sehen, wie ein fauliger, verwesender Arm durch das geborstene Holz des Fensterladens langte, nach ihrem Baby tastend. Mit dem Mut der Verzweiflung hieb sie auf jenen Arm ein, riss mit dem Schürhaken Fetzen verwesenden Fleisches aus ihm heraus – es schien ihm wenig auszumachen. Währenddessen erschien eine zweite Hand und machte sich an den Resten des Fensterladens zu schaffen, versuchte, das Loch zu vergrößern… während Nala wie in Raserei mit Schürhaken und glimmendem Holzscheit auf die eindringenden Hände einhieb, nahm sie gar nicht mehr wahr, dass nun auch aus der Wohnstube das Geräusch splitternden Holzes zu hören war. Und so schien es ihr wie ein kleiner Sieg, als die tastenden Hände unter ihren stetigen Angriffen schließlich vom Fenster abließen und zurückgezogen wurden. Weinend sank sie neben der Wiege auf die Knie und redete auf das vom Lärm erwachte Baby ein: „Alles wird gut… – Mama ist bei dir – alles wird gut! Papa kommt auch bald!“

Erst als ein Schatten aus der Tür zur Wohnstube über sie fiel nahm sie wahr, dass sie nicht allein mit ihrem Kind war. „Orik!“ rief sie voller Erleichterung, als sie im Gegenlicht seine braunen Hosen und die Felljacke erkannte, „Orik, endlich bist du da!“ Schon wollte sie aufspringen, schon sich dem Geliebten in die Arme werfen, als sie die Hautfetzen erkannte, die aus Oriks einst so süßem Gesicht herabhingen – und das bläuliche Glänzen in seinen Augen wahrnahm. Das Wesen, das einst Orik gewesen war, kam auf sie zu und hob einen schweren Knüppel zum Schlag, während hinter ihr ihr beider Baby kreischte und weinte. Wilde Reißzähne blitzten auf, wo heute morgen noch Oriks ganz normaler, menschlicher Mund gewesen war. „Er wird zurückkommen! Und wir sind ausersehen, ihm zu dienen!“ waren die letzten Worte, die sie wahrnahm, bevor der Knüppel sich senkte.