Dunkelgrau erhoben sich die Mauern der Burg Rabensteyn über dem Felsen, auf dem sie erbaut worden war – dem letzten Ausläufer des Felsengebirges, von dem aus man das weite Land, das das Haus Rabensteyn von Alters her für sich beanspruchte, überblicken konnte: der schmale Streifen Waldes zu Füßen der Felsklippen, irgendwo darin die rauchenden Schornsteine des Dorfs Tvorch und dahinter, wie ein drohender Schatten, das braune Band der Kanolya-Marschen, über dem stets ein Schleier giftiger Ausdünstungen zu stehen schien.

Tharguel stand auf den Zinnen der Burg und schaute hinab, so oft er sich aus den Kammern des Herrn davon schleichen konnte. Mehr als vier Wochen war es nun her, dass Rabans Häscher ins Dorf geritten waren und ihn und drei andere Jungen in seinem Alter geholt hatten. Die anderen drei – seinen Freund Ferin, den sommersprossigen Ehlyr und den tumben Ulak – hatte er nicht mehr gesehen, seit sie noch am selben Tag dem Burgherrn vorgeführt worden waren. Dreimal war er die Reihe der zitternden Burschen abgeschnitten, hatte ihnen tief in die Augen geblickt und schließlich auf Tharguel gezeigt. „Ich nehme den da. Er wirkt einigermaßen schlau, wenn auch nicht übermäßig. Das gefällt mir. Schafft die anderen drei nach unten – zur üblichen Verwendung.“

Dann hatte der Burgherr ihm eröffnet, zu was er auserkoren worden war: „ Du wirst mein Kammerburschen sein. Dein Name ist jetzt Lomin, denn so hießen alle meine Kammerburschen bisher und ich habe keine Lust, mir einen anderen Namen zu merken. Du wirst mich bedienen, mir die Schuhe putzen, meinen Nachttopf leeren. Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du mir auch bei anderen Aufgaben zur Hand gehen. Schaffst du das?“ „Ich denke, ja, Herr“, hatte Tharguel gestammelt. „Du sollst nicht denken! Ein einfaches Ja hätte genügt! Kannst du pfeifen?“ „Ja, Herr.“ „Dann verlern es. Ich will nicht, dass auf meiner Burg gepfiffen wird. Es beunruhigt meine Nerven. Und ich brauche ruhige Nerven, um dem Land ein guter Herrscher zu sein. Hast du das verstanden?“ „Ja, Herr.“ „Gut. Dann geh jetzt. Man wird dir deine Kammer zeigen.“ Die Kammer, in die Tharguel daraufhin geführt worden war, war nicht mehr als eine feuchte Zelle, deren Einrichtung lediglich aus einem alten Strohsack bestand. Dennoch war sich Tharguel sicher, dass er von den vier Jungen, die an jenem Tag auf die Burg gekommen waren, das größte Glück gehabt hatte.

Heute war nun also der Tag, an dem der Burgherr ihn in die „anderen Aufgaben“, einzuführen gedachte, von denen er gesprochen hatte. Tharguel riss sich los von dem Blick auf sein Dorf, das friedlich dort unten im Wald lag und trollte sich gesenkten Blicks, wie man es ihn gelehrt hatte, in die Halle, wo der Burgherr auf ihn wartete. „Lomin“, begrüßte ihn dieser, „es wird Zeit, dass du kommst. Wir gehen nun den Raben füttern. Folg mir!“ Über verwinkelte Treppen, schmale Korridore und unzählige Stufen führte Raban ihn, immer tiefer in die Eingeweide der Festung, bis die letzte Treppe vor einer silbernen Tür endete, die mit seltsamen Runen und magischen Zeichen bedeckt war. Der Burgherr schloss die Tür auf und sie gelangten in eine kreisrunde Kammer, die aus dem Fels selbst gehauen zu sein schien. Sieben Kohlenbecken waren in einem Kreis um einen Steinaltar in der Mitte des Raums gruppiert, auf einem Podest auf der anderen Seite des Raumes ruhte ein schweres, in beschlagenes Leder gebundenes Buch. Tharguel wunderte sich, dass hier, so tief unter der Erde, der Boden und Teile des Altars mit Vogelkot beschmiert waren.

„Steh nicht rum und glotze“, erklang die Stimme seines Herrn. „Entzünde die Kohlenbecken. Es ist Zeit – der Rabe wird schon hungrig sein.“ Tharguel tat wie ihm geheißen und erst, als er zwischen den Kohlebecken entlang schritt, um sie mit seiner Fackel zu entzünden, erkannte er, dass hinter dem Steinaltar noch etwas war, das von der Tür aus nicht zu sehen gewesen war: auf dem Boden ruhte eine Tragbahre und darauf schien, von einem schwarzen, mit Rabenfedern geschmückten Tuch bedeckte, ein menschlicher Körper zu liegen.

Tharguel zuckte zusammen. Hinter ihm stieß der Burgherr ein meckerndes Lachen aus. „Was hast du gedacht, was wir hier machen, Lomin? Brotkrumen hinwerfen?“ Er lachte weiter, während er das Buch auf dem Podest aufschlug und aus seinem Gürtel einen Dolch aus glitzerndem Kristallglas zog, den er auf das Buch legte. „So, nun hilf mir! Weg mit dem Tuch und dann wollen wir ihn auf seinen Ehrenplatz heben!“ Tharguel zog das Tuch beiseite und erschauerte – darunter erkannte er die grässlich verzerrten Züge seines Freundes Ferin. Der Bursche schien noch zu leben – er atmete flach, fast röchelnd. Doch in seine Augen lag kein Erkennen – nur das Flehen um Gnade. Es schien, als leide er grässliche Schmerzen, sei jedoch zu verzweifelt und zu ausgezehrt, um noch schreien zu können.

„Er war zu schwach und dient nun einem höheren Zweck“, ließ sich Raban wieder vernehmen. „Also los – fass an!“ Gemeinsam hoben sie Ferins gebrochenen Körper auf den Steinaltar. Widerlich grinsend blickte ihn der Burgherr danach an. „Bedenke immer, dass es gut ist, zu den Siegern zu gehören, nicht zu den Verlierern! Diene mir gut, und du wirst auf der Gewinnerseite bleiben!“ Wieder ließ er sein meckerndes Lachen hören, während er eine Silbermünze aus einer Tasche seines Umhangs kramte und sie Tharguel zuwarf. „Du hast deine Sache gut gemacht – für das erste Mal. Nimm dir im Dorf eine Hure, zur Belohnung. Ich brauche dich heute nicht mehr.“ Tharguel wankte rückwärts zur Tür, schloss diese hinter sich und floh die Treppe hinauf, floh vor Ferins um Gnade flehenden Augen – und vor den Schreien, die er von tief unten zu hören glaubte.