Der „Schwarze Hahn“ war eine der besseren Tavernen an der Langen Straße, die von Tanar gen Osten führte, da war sich Reylem, der betagte Wirt der Gaststätte sicher. Ziemlich genau zwischen Tanar und Uthangs Hautstadt Ontin, lag sie zwar fernab von den politischen Verwicklungen im Herzen Toroshs oder von den Handelszentren Makkaks – dennoch blühte der Ost-West-Handel, seit der Krieg im Westen sich wieder positiver entwickelte und der Schock über den Verlust Tordokheyms verkraftet war. Allerlei Volk war zwischen Tanar und Makkak unterwegs und alle wollten irgendwo einen heißen Eintopf und ein einigermaßen sauberes Bett – und das hatte der „Schwarze Hahn“ zu bieten. Reylem war stolz darauf, dass er mindestens dreimal die Woche ordentliches Fleisch auf den Tisch brachte – und nicht nur das schauderhafte Zeug von den Orkhändlern, das es in vielen anderen Wirtshäusern an der Langen Straße gab. Und er freute sich, wenn hin und wieder ein Spielmann in seinem Haus nächtigte und gegen freie Kost und Logis das Volk unterhielt. So wie gestern Abend. Leider hatte der gestrige Auftritt des Barden anders als sonst nicht zu Freude, Begeisterung und gutem Umsatz geführt, sondern eine höchst unerfreuliche Situation ausgelöst. Merkwürdig – dabei hatte der Kerl einfach nur irgendeine alberne Geschichte von einem Ort am Ende der Welt erzählt…

Es hatte ganz harmlos angefangen. Der Barde hatte zunächst einige Lieder gesungen – auch das vom Pechvogel, der seine Hütte streichen will und immer wieder von der Leiter fällt. Reylem mochte das Lied und hatte sich schon auf einen erfolgreichen Abend eingestellt. Doch dann hatte der Spielmann die Laute beiseitegelegt und angefangen, diese Geschichte zu erzählen.

„Habt ihr schon gehört, was drüben im Rabensteynschen passiert ist? Da wo Berge und Sumpf sich küssen und der Alte Wald seine Klauen ausstreckt? Nein? Das wundert mich nicht! Wer sollte von einem solchen Loch am Ende der Welt schon gehört haben, wenn er hier auf der prächtigsten Straße des großen Torosh unterwegs ist! Und doch sage ich euch: wahrlich Bemerkenswertes geschieht dort, auch wenn keiner hinsieht! Und zum Glück war ich, euer Syhann tar Phular, Meistersänger, Geschichtenerzähler und bekannt von Tanar bis Tordok Dur, dabei und kann euch berichten!

Es war ein finsterer Abend. Nebelschwaden krochen um die Taverne „Heldenrast“ und wie schwarze Schwingen legten sich die Ausdünstungen der Kanolya-Marschen über das Land. In wirtlicheren Landen, wie hier, an der Langen Straße, würde wohl kaum einer an einem solchen Abend das Haus verlassen – doch dort, wo das Unheil in den Sümpfen brütet, wo Mantikore und Harpyien aus dem nahen Felsengebirge umherstreifen und wo die Schrecken des Alten Waldes allgegenwärtig sind, lebt ein finsterer Menschenschlag, der keine Furcht kennt. Und so hatte sich eine erkleckliche Schar von Menschen und Goblins in der Taverne versammelt, da ein neuer Pächter gesucht werden sollte. Gewaltige Recken und düstere Zauberer hatten sich eingefunden, war doch die Pacht für das Wirtshaus nur eine Maske für eine höhere Aufgabe: In Wahrheit suchte der unheilige Herr des Hauses, der achttausend Jahre alte Leichnam Abu Domal, nach einem würdigen Nachfolger für seinen Adepten und so waren bedeutende Krieger und Zaubermeister gekommen um darum zu feilschen, wer fürderhin in Abu Domals Dienste treten solle. Als da wären: Orr’Homyn, der Hüne aus der Steppe Skrut; Boarim, Than der Orks aus den Knochenhügeln; Solimander von Kyrkanlyr, Hoher Thaumaturg des Siebenfachen Pfades; Tenebra, die schöne Assassinenkönigin vom Orden der Schwarzen Lilien und zu viele weitere legendäre Heldinnen und Helden, um diese hier und heute alle aufzählen zu können. Neun unlösbare Aufgaben stellte Abu Domal den Sterblichen, die vor ihn getreten waren: So galt es, binnen einer Nacht die Tränen eines Lindwurms zu erringen, das Destillat aus der Trauer eines Waisenkindes zu gewinnen und die 777 Rätsel der Sphingen vom Berg Zeff zu lösen, um nur einige der Herausforderungen zu nennen. Doch was keiner der Anwesenden erwartet hatte war, dass das eigentliche Wunder jenes Abends nicht in den Heldentaten der Bewerber um Abu Domals Gunst lag! Vielmehr war es eine junge Priesterin der Yesubion, reinen Herzens und unschuldig, in ihrem ganzen Wesen der Herrin der Träume und Kriechtiere hingegeben, die dort etwas Besonderes schaffen sollte.“

Reylem hatte schon an diesem Punkt festgestellt, dass die Gruppe der Zeckenpriester, die den Tisch am Kamin für sich beansprucht hatten, dem Barden interessierte Blicke zuwarfen und miteinander zu flüstern begannen. Ihr Anführer, ein hagerer, großgewachsener Priester, der wohl noch älter war als Reylem selbst, hatte ihm einen missbilligenden Blick zugeworfen. Aber was hätte er tun sollen? Die Geschichte war nett und entbehrte offensichtlich jeder wahren Grundlage. Warum den Barden nicht erzählen lassen? Der schien nichts vom Unwillen der Yesubion-Geweihten mitbekommen zu haben und erzählte unbeirrt weiter, ganz versunken in seiner eigenen Geschichte.

„Osirmandia, so lautete ihr Name und sie war schön wie eine Sommernacht am Meer der Tränen – mit langen, schwarzen Locken, die ihr Gesicht bekränzten, das von einer vornehmen Blässe war, wie man es nur bei Menschen von Adel findet. Sie scherte sich kein bisschen um jenen hochtrabenden Wettstreit um die Gunst des Leichnams, der an jenem Abend die „Heldenrast“ erfüllte. Stattdessen hatte sie eine Verabredung mit einer geheimnisvollen Hohepriesterin, Savimia geheißen. Man sagt, sie sei uralt und die mächtigste unter den Priesterinnen des Westens und des Ostens. Ob es ihr Ziel war, ihre eigene Göttin zur alleinigen Herrscherin der Welt zu machen und alle anderen schwächlichen Götter  in den Staub zu treten? Oder ob sie auf der Suche nach ihrem eigenen Tod war, zu vergehen in der Macht von Chaos und Vergänglichkeit? Wir wissen es nicht! Aber wir wissen, dass sie seit langem von Träumen geplagt war und Antworten suchte. Und deshalb, nur deshalb war sie an jenem Ort mit Osirmandia verabredet, die landauf, landab bekannt war für ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten im Deuten selbst der geheimnisvollsten Bilder, die Yesubion den Sterblichen in der Nacht schickt.“

Der Anführer der Zeckenpriester hatte an dieser Stelle einem seiner Untergegebenen etwas zugewispert, woraufhin dieser aufgestanden war und den Schankraum verlassen hatte. Spätestens an dieser Stelle hätte Reylem den Barden unterbrechen sollen – offensichtlich gefiel den Hohen Dienern des Hauses der Kriechtiere seine Geschichte ganz und gar nicht. Allein – er selbst fand die Geschichte viel zu spannend. Also ließ er Syhann tar Phular weiter gewähren.

„Und so geschah es, dass sich, kurz bevor der Wettstreit in der Heldenrast seinen Höhepunkt erreichte, die beiden edlen Frauen in eine ruhige Ecke zurückzogen, wo Savimia der Osirmandia ihren Traum offenbarte – doch hatte sie erwartet, ihn einfach nur zu erzählen und eine Deutung zu erhalten, so wurde sie überwältigt von dem, was sie stattdessen erlebte. Denn Osirmandia setzte die Kraft des Traumwandelns ein, um die Bilder aus Savimias Kopf vor deren Augen erstehen zu lassen! Doch nicht nur diese sah und erlebte ihren wohlbekannten Traum nun stofflich und mit Händen greifbar – die versammelten Recken und Zaubermeister wurden ebenso gefangen von den Bildern die sie sahen, den Lauten, die sie hörten, den Gerüchen, die sie wahrnahmen…  Selbst der hünenhafte Orr’Homyn ließ seine Axt sinken, dem wackeren Than Boarim liefen Tränen über die grünen Wangen… was sie sahen, war wahres Traumwandeln, die Alte Kunst, an der so lange das einfache Volk nicht mehr teilhaben durfte, da nur hinter den Mauern der Häuser Yesubions…“

An diesem Punkt war es dem hageren Priester wohl zu viel geworden. Er war aufgesprungen und hatte laut gerufen: „Schweigt still! Wisst ihr überhaupt wovon ihr redet!“ Gleichzeitig war sein Diener an der Tür des Schwarzen Hahns wieder aufgetaucht, gefolgt von einer Gruppe Soldaten. Leider war der Barde selbst zu mitgerissen von seiner eigenen Geschichte, um zu erkennen, dass er den Bogen überspannt hatte: „Sicher weiß ich das!“ rief er aus, „denn ich, Syhann tar Phular, Meistersänger und Geschichtenerzähler, der ich bekannt bin von Tanar bis Tordok Dur, war doch selbst dabei! In meinen eigenen Armen hielt ich die zitternde Osirmandia, nachdem die Bilder verflogen waren, als sie selbst völlig verängstigt von der Macht Yesubions, die ihrer teilhaftig wurde, darnieder lag…“

„Genug!“ sagte der oberste Zeckenpriester nur. Der Adept an der Tür gab den Bewaffneten ein Zeichen und diese schritten ohne viel Aufhebens zu machen durch den Schankraum und ergriffen den Barden. „Du wirst angeklagt der Blasphemie wider Yesubion und den Gottkaiser Yeahr selbst! Wisse, dass du mit deinen liederlichen Geschichten nie wieder das Ansehen der Priesterschaft Yesubions beschmutzen wirst!“

„Aber Herr, es ist wahr…“ hatte der tölpelhafte Barde noch gebrüllt, als sie ihn raus brachten. Und mit einem Mal war es vorbei gewesen mit der guten Stimmung – und dem guten Umsatz. Die meisten Gäste hatten schnell ihr Bier geleert und waren gegangen. Niemandem stand mehr der Sinn nach weiteren Geschichten oder einem geselligen Abend.