Als Gründerinnen Traduk‘kas gelten einerseits die sogenannten „Starken Schwestern“, zwei Sumpfläuferinnen aus dem Dorf Dorf Goarath am südlichen Rand des rabensteynschen Einflussgebiets, namens Ardalie und Batnazea. Die beiden waren zwar nicht wirklich miteinander verwandt, teilten aber das gemeinsame Schicksal, dass beide ihre gesamte Familie durch das Haus Rabensteyn verloren hatten. Sie selbst waren den Häschern des Burgherrn nur mit knapper Not entgangen, als diese wieder einmal nach Goarath gekommen waren, um Beute zu machen und hatten sich daraufhin im Sumpf versteckt und von dort aus immer wieder Patrouillen der „Schwarzen Klingen“ aufgelauert und rabensteynsche Schergen getötet, wo immer sie derer habhaft werden konnten. Dies brachte ihnen zwar den Respekt der Dorfbevölkerung ein, ließ sie aber ein hoch riskantes Leben als Vogelfreie führen. So sahen sie es als große Chance, endlich wieder in Sicherheit leben zu können, als sie eines Tages mitten im Sumpf, irgendwo im Niemandsland zwischen Rabensteyn und Tawash, ein trockenes Gebiet entdeckten, das größer war als die anderen kleinen Flecken, auf denen die Sumpfläufer sich gewöhnlich ihre Unterstände errichteten. Sie beschlossen, sich dort dauerhaft niederzulassen und von den Früchten des Sumpfes zu leben.

Dennoch wäre die Siedlung wohl kaum entstanden, wenn nicht zur selben Zeit auch Bruder Echlom, ein alternder Priester der Traumakademie, beschlossen hätte, diese zu verlassen und als Eremit in den Sumpf zu gehen, nachdem er sich mit seinen Schwestern und Brüder in theologischen Fragen überworfen hatte. Wie es der Zufall wollte, wurde jener Priester, der auf der Suche nach einem trockenen Flecken Erde für seine Einsiedelei durch den Sumpf irrte, unweit von Traduk’ka von den Starken Schwestern aufgegriffen, als er nichtsahnend auf eines der tückischsten Gebiete der südlichen Marschen zusteuerte. Zunächst waren Ardalie und Batnazea alles andere als begeistert, dass ein Fremder ohne jede Ortskenntnis ihrem Versteck so nah gekommen war. Doch die Ruhe und Weisheit, die der Priester ausstrahlte hielt sie davon ab, ihn zu töten. Und nachdem er seine Geschichte erzählt hatte, gestatteten sie ihm, seine Einsiedelei auf jener trockenliegenden Wiese im Sumpf zu beziehen, der sie mittlerweile den Namen „Traduk’ka“ gegeben hatten.

Die Verbindung jener drei sollte sich als großer Glücksfall für Traduk‘ka erweisen – ergänzten sie sich doch hervorragend: ohne die Hilfe der Starken Schwestern hätte Bruder Echlom im Sumpf wohl kaum überlebt – das Jagen und Sammeln waren seine Sache nicht und auch seine Versuche, in Traduk’ka Gemüse anzubauen, scheiterten zunächst kläglich. Dafür war er den beiden von Jahren der Angst und des Hasses zerfressenen Sumpfläuferinnen eine spirituelle Stütze und gab ihnen ein Stück weit Vertrauen in die Welt und die Menschen zurück. Und so ließen sie sich auch überzeugen, die immer häufiger vorbeikommenden anderen Sumpfläufer, nicht als Feinde zu betrachten, sondern als willkommenes Tor zur Außenwelt, über das auch Dinge nach Traduk’ka kamen, die das Leben erleichterten und die man nicht im Sumpf finden konnte. Zugleich gelang es, das Geheimnis des Zugangsweges nach Traduk’ka so gut im Kreise der Sumpfläufer zu bewahren, dass der Ort seinen Charakter als Sicherer Hafen behalten konnte.

Mit voranschreitendem Alter entwickelte Bruder Echlom ein zunehmendes Bedürfnis nach etwas mehr Bequemlichkeit und so schlug er einigen der Sumpfläufern, die regelmäßig in Traduk’ka lagerten, vor, endlich ein festes Haus zu errichten, dass ihm und den Starken Schwestern als dauerhafte Unterkunft dienen könne und in dem er den Gästen stets ein trockenes Bett und eine warme Mahlzeit bereithalten könne – und so entstand die erste Herberge “Zum Sicheren Hafen“. Die am Bau beteiligten Sumpfläufer verbrachten den ganzen Sommer dort und viele von ihnen beschlossen daraufhin, gar nicht mehr in ihre Dörfer zurückzukehren, sondern in Traduk’ka zu bleiben, wo es sich einfach, aber sicher leben ließ. Und weil es vor allem die spirituelle Kraft des alten Priesters und sein weiser Ratschluss waren, die den Neuankömmlingen Sicherheit gab, wurde in der Herberge auch ein Raum eingerichtet, in dem Bruder Echlom zu kleinen Andachten einlud, in dem er die wenigen Bewohner Traduk’kas aber vor allem in der stillen Mediation, in der Rückbesinnung auf ihre Träume unterwies. Diesen Raum nannte er die „Kammer der Stille“.

Die Starken Schwestern jedoch waren uneinig darüber, ob sie die Ankunft so vieler Neuankömmlinge in Traduk’ka gut heißen sollten und gerieten eines Tages im Winter in einen heftigen Streit darüber. Ardalie unterstützte Bruder Echloms Ansinnen, die kleine Siedlung auch für andere zu einem sicheren Hafen zu machen. Batnazea dagegen fühlte sich ihrer Entdeckung beraubt und beschimpfte ihre Freundin mit harten Worten. Als die Auseinandersetzung handgreiflich zu werden drohte, ließ Ardalie ihre Freundin stehen und eilte zu Echlom in die Herberge, in der wie meist in der kalten Jahreszeit keine Gäste waren. Die Wut beider „Schwestern“ war groß – fühlten sie sich doch jeweils von der anderen verraten – und wer weiß? Vielleicht war es auch ein Schatten der dunklen Mächte des Sumpfes, der an jenem Abend über Batnazea kam. Was genau geschehen ist, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass in jener Nacht ein schreckliches Feuer ausbrach, das weite Teile der Herberge verzehrte und dem Bruder Echlom und Ardalie zum Opfer fielen. Und auch Batnazea wurde seither nie mehr in Traduk’ka gesehen.

Die Ruine der Herberge „Zum Sicheren Hafen“ steht noch immer am Rande der kleinen Siedlung – und die Bewohner sehen sie als ständige Warnung vor Neid und Missgunst in den eigenen Reihen. Und sie nutzen außerdem nach wie vor die wie durch ein Wunder von den Flammen verschont gebliebene „Kammer der Stille“ zur Meditation und zur inneren Einkehr – und vergessen nicht, Bruder Echlom zu danken, dessen Name in Traduk’ka noch heute für Weisheit und Frieden steht.