Schon die ganze Nacht wälzte Strybald sich unruhig auf seinem Lager hin und her. Das Schnarchen der anderen Arbeiter, der Schweißgeruch in der engen Baracke, die ungewöhnliche Wärme dieser Spätsommernacht und das Ungeziefer in seinem Bett setzten ihm zu. Und doch war all das nicht der Grund für die Ruhelosigkeit, die über ihn gekommen war. Schließlich hatte er die widrigen Bedingungen doch seit Monaten ertragen – und schließlich war er Zeit seines Lebens keine besseren gewohnt gewesen. Die Arbeit, wegen der er nach Traduk’Ka gekommen war, war hart – das Ausheben der Entwässerungskanäle, das Errichten von Dämmen und Schleusen – immer im Wettstreit mit dem unaufhörlich vorrückenden Sumpf, der es sich zum Ziel gemacht zu haben schien, die Menschen von hier zu vertreiben, von dem Land, das sie ihm vor so langer Zeit abgenommen hatten. Und so war Strybald, so wie die anderen Tagelöhner aus den ganzen rabensteynschen Landen, die hier zusammengekommen waren, um den Sumpfbauern bei ihrem aussichtlos scheinenden Unterfangen beizustehen, bisher jeden Abend sofort eingeschlafen, wenn er sich endlich auf seinem Strohsack ausstrecken durfte. Doch diese Nacht war anders.

Strybald lauschte in die Dunkelheit. Nichts war zu hören. In völliger Stille lag der Sumpf da – kein Rufen eines nächtlichen Wasservogels, kein Platschen des brackigen Wassers und auch die Kröten hatten ihr Abendkonzert längst beendet. Nur das Schnarchen von Horvath auf dem Lager neben ihm tönte durch die Baracke. Wieviel Uhr mochte es wohl sein? Hatte er überhaupt schon ein Auge zugemacht? Ein letztes Mal warf Strybald sich herum, zog sich seine zerschlissene Wolldecke über die Ohren. Dann – gab er es auf. Es nutzte nichts. Der morgige Tag würde hart werden – sehr hart. Also konnte er ebensogut ein wenig spazierengehen und die nächtliche Ruhe genießen, anstatt sich schlaflos auf dem Strohsack zu wälzen. Wer weiß? Vielleicht wäre er nach einem kurzen Marsch endlich in der Lage, zur Ruhe zu kommen und könnte danach noch ein oder zwei Stunden Schlaf finden, bevor die Aufseher kommen und ihn und die Anderen zur Arbeit antreiben würden. Also erhob er sich, warf sich seinen Umhang über und wankte, sich reckend, in die Nacht hinaus.

Kaum hatte er die Hütte verlassen, nahm er die vor ihm liegende schwarze Wasserfläche ganz deutlich im Licht des fahlen Halbmondes wahr – und nun hörte er auch den Sumpf. Das Kriechen verborgenen Getiers, Rascheln im Schilf, Wind in den Zweigen der dürren Bäume – und das sanfte, kaum hörbare Plätschern von Wasser, nur wenige Schritte vor ihm. Wasser, das wieder auf dem Vormarsch war – das Wasser der anschwellenden Fluten des Kanolya, der sich Stück für Stück sein Land zurückeroberte. Ohne recht zu wissen, warum, lenkte er seine Schritte auf die andere Seite der kleinen Sumpfsiedlung, vorbei an den geduckten Häuser und Hütten Traduk’Kas, in die Richtung der Kanäle, an denen sie gestern gearbeitet hatten. Der Weg dorthin war gut befestigt: ein Knüppeldamm führte zunächst vom Dorf weg in östlicher Richtung bis zu einer Insel im Sumpf, das heißt, bis zu dem Hügel, auf dem die Toten verbrannt wurden – und der vor wenigen Monaten noch keine Insel gewesen war, sondern Bestandteil des befestigten Gebiets, das den einzigen Sicheren Hafen im ganzen Kanolya-Sumpf bildete. Unterhalb der Verbennungsstätte hatten sie gestern gegraben. Und dorthin war Strybald nun unterwegs. Er zog seinen Umhang fester um sich. Mit einem Mal war ihm kalt – die spätsommerliche Wärme der Nacht war einer Kühle gewichen, die plötzlich da zu sein schien – ohne dass Wind aufgekommen wäre. Strybald zögerte – war das ein Omen? Bisher war noch keiner der Arbeiter den Toten aus dem Sumpf zum Opfer gefallen, auch wenn sie in anderen Gegenden Rabensteyns vermehrt auftraten, seit der Hain am Opferkreuz entweiht worden war. Gerade wollte er kehrtmachen und sich wieder in die Sicherheit der Arbeiter-Baracke zurückziehen, als er das Leuchten sah. Dort drüben, an der Totenstätte, lag ein schwacher, flackernder Lichtschein über dem Sumpf. Ein Feuer? Dafür schien es Strybald nicht hell genug – und überhaupt: wer sollte dort mitten in der Nacht ein Feuer entzünden? Wer edle Absichten verfolgte, würde im Sicheren Hafen selbst lagern – und wer weniger ehrenvolle Pläne hatte, sich weiter entfernt halten…

Strybald war nie ein Held gewesen – oder auch nur besonders mutig. Umso mehr war er von sich selbst überrascht, dass er dieses seltsame Flackern nicht erst recht zum Anlass war, umzukehren. Stattdessen hob er einen spitzen Stock vom Boden auf, um dem, was da war, zumindest nicht völlig unbewaffnet entgegen zu treten, und schlich näher an den niedrigen Hügel heran. Die Lichtquelle schien sich dahinter zu befinden, so dass er den Pfad verlassen musste und einige Schritte am Rande des Sumpfes entlang gehen musste, um sie ins Blickfeld zu bekommen. Näher und näher kam er dem Licht, sich vorsichtig vorantastend, den Lichtschein im Blick. Schon erkannte er die an einem niedrigen Ast aufgehängte Laterne, schon konnte er eine schemenhafte Gestalt erkennen, die sich an den Gräben zu schaffen machte, an denen sie gestern gearbeitet hatten… und da passierte es: Mit einem lauten Platschen landete sein linker Fuß in einem Sumpfloch. Strybald verlor das Gleichgewicht und schlug auf dem nassen Boden der Länge nach hin. Die Gestalt wirbelte herum: „Halt – wer da?“ Voller Erleichterung erkannte der gestrauchelte Arbeiter die Stimme der Sumpfgenossin Yobhmödis, die gestern hier mit ihm und den anderen an den Kanälen gearbeitet hatte. „Ich bin es nur, Herrin“, brachte er stammelnd hervor. „Bitte verzeiht mir Herrin! Ich wollte Euch nicht stören. Ganz im Gegenteil! Wollte schon mal das Gelände erkunden und Vorbereitungen treffen. Wird ein hartes Stück Arbeit heute, Herrin, und da dachte ich mir, der frühe Vogel fängt den Wurm, wenn’s recht ist, und da kann man nicht früh genug mit der Arbeit beginnen!“ „Strybald, bist du das?“ Die Sumpfgenossin senkte das Schwert, mit dem sie auf ihn zugetreten war und half ihm wieder auf die Beine. „Gut, dass du kommst. Obwohl es noch reichlich früh ist, um mit der Arbeit zu beginnen. Aber vielleicht geht’s dir wie mir – ich konnte nicht schlafen. Die ganze Nacht nicht. Hab mir das Hirn zermartert, woran es liegen könnte. Und dann – hab ich beschlossen, nochmal unsere Arbeit von gestern zu inspizieren. Und was soll ich dir sagen? Das war eine gute Idee! Sieh dir das mal an!“ Strybald klopfte sich den feuchten Schlamm von den Kleidern und folgte der Bäurin zu dem vom Laternenschein erhellten Graben.

Offensichtlich hatte sie bereits einiges an Sumpfwasser aus der gestern angebrachten Verschalung geschöpft, denn wo gestern Abend noch brackiges Wasser gestanden hatte, war nun der blanke Erdboden sichtbar. Und nicht nur der Erdboden: Yobhmödis hatte die Oberseite eines weißen, eigentümlich geformten Steins von beträchtlicher Größe freigelegt. Strybald fröstelte. Erst jetzt merkte er, wie kalt ihm nun war – vermutlich von dem Sturz ins feuchte Sumpfgras. Oder war es dieser Stein, der die Kälte verströmte? Strybald konnte es nicht sagen. „Hilf mir mal!“ forderte die Sumpfgenossin ihn auf. „Wenn wir hier noch ein wenig graben, können wir ihn vielleicht heraushebeln! Ich wüsste zu gern, was das für ein Stein ist – und wie er hierhergekommen ist.“ Zwar fühlte er sich alles andere als wohl bei dem Gedanken, diesen seltsamen Stein, der seit wer weiß wie vielen Jahren vom Sumpf begraben gewesen war, an die Oberfläche zu befördern – aber Yobhmödis gewährte ihm Unterkunft, Nahrung und jede Woche einige Arakul, die er sparen konnte für schlechte Zeiten – sich ihr zu widersetzen, kam für ihn nicht infrage. Zu zweit gruben und scharrten sie, bis sie den Stein auf einer Seite fast vollständig freigelegt hatten – es schien eine Art Säule oder Stele zu sein. Beunruhigt nahm Strybald im Licht des langsam heraufdämmernden Tages Zeichen wahr, die in die glatte weiße Oberfläche geritzt waren. Zwar konnte er nicht lesen – wohl aber erkannte er, dass es sich dabei teilweise um gewöhnliche Rosh-Buchstaben handelte. Doch die anderen Zeichen – Strybald war sich sicher, dass er so etwas noch nie gesehen hatte. Nicht hier und auch nirgends sonst – und er war immerhin schon in ganz Rabensteyn herumgekommen und einmal sogar in Ontin gewesen. Es waren bizarre Zeichnungen, die älter schienen als der Sumpf und älter als der Stein selbst – als wäre der Stein ein Fenster in vergangene Äonen, das sich dem auftut, der die Zeichen zu deuten versteht…

Als die anderen Arbeiter eintrafen, hatten sie die Stele bereits so weit freigelegt, dass Seile um sie gelegt werden konnten. Der Arbeitstag begann, anders als am Vorabend geplant, nicht damit, den Graben Richtung Norden zu verlängern. Stattdessen wurden Ochsen herangeholt, die die Stele in eine aufrechte Position zogen, so dass alle die geheimnisvollen Zeichen erkennen konnten, mit der sie beschrieben war – und den weißen, kalten Glanz wahrnahmen, der von ihr ausging.