Erschöpft schleppte Sumpfgenossin Yobhmödis sich Richtung Traduk‘ka, gefolgt von ihrem Arbeiter Strybald, der sich ebenso kraftlos durch das ansteigende Wasser kämpfte wie sie selbst. Beide waren über und über mit Schlamm bedeckt. Den ganzen Tag hatten sie mit vielen anderen Sumpfgenossen und Arbeitern zusammen versucht, den Fluten Einhalt zu gebieten, die seit Tagen mit neuer Macht das Dorf bedrängten. Und wieder verfluchte Yobhmödis sich dafür, dass sie vor zwei Wochen jene geheimnisvolle Stele entdeckt hatte. So groß waren die Hoffnungen gewesen, die das Dorf in die Stele gesetzt hatte – und so jäh waren sie enttäuscht worden. Die Pläne der Sumpfgenossen, sie zum Schutze der Siedlung zu nutzen, waren gescheitert. Stattdessen hatten die Anhänger des Sumpfkönigs Ras’Kanol sich ihrer bemächtigt, hatten dort ihr grausiges Ritual durchgeführt, mit dem sie die südlichen Marschen endgültig unter seinen Einfluss gezwungen hatten. Und die Kraft des Sumpfes hatte nicht lange auf sich warten lassen. Schon zwei Tage später war die Furt wieder überflutet, die so mühevoll errichtet worden war – und das Wasser stieg weiter und weiter. Vorgestern war der alte Zinufayin, einer der Weisen, jämmerlich ertrunken, als er am Rand des Dorfes auf vormals sicherem Land Schuppenflechte gesammelt hatte und dabei in ein neues Sumpfloch geraten war. Ja – das Leben war härter geworden in Traduk’ka – noch härter… wer hätte gedacht, dass das überhaupt geht. Die einzigen außer den Nachtschatten, die frohlockten, waren die Sumpfläufer des Witwen- und Waisenfonds. Nicht nur, dass die schwerer werdenden Bedingungen ihre Dienste für alle anderen unverzichtbarer denn je machten. Es war ihnen darüber hinaus gelungen, einen Schrein zu erschaffen, der die Kraft des Wahren Sumpfwandelns verlieh –aber nur denen, die wussten, welche Opfer und welche Rituale dafür durchzuführen waren. Wie sehr würde das Dorf von diesem Wissen profitieren, wenn es nur nicht von den Wenigen, die Bescheid wussten, so eifersüchtig gehütet würde!

Mit letzter Kraft erreichten Yobhmödis und Strybald die ersten Hütten des Dorfes, wo eine großgewachsene, in dunkle Umhänge gehüllte Gestalt sie erwartete. „Mida ilbo – Ras’Kanol zum Gruße!“ grüßte der Fremde keck. Müde antwortete Yobhmödis: „Ihr habt euch unser Land genommen – nun verspottet uns nicht auch noch. Lasst mich einfach nach Hause – die Arbeit des heutigen Tages war hart und morgen wird es nicht besser werden.“ „Euer Land? Ihr wagt es, den Sumpf, der doch rechtmäßig nur dem König Ras’Kanol gehört, als euer Land zu bezeichnen? Schämt euch – und seid dankbar, dass ich heute milde gestimmt bin! Keiner hat von euch verlangt, dass ihr euch hier niederlasst! Seid lieber froh, dass wir die Schergen des Raben ein für allemal aus Traduk’ka vertrieben haben – und beugt das Knie vor unserem Herrn, wie es sich geziemt als seine Diener, die auf seinem Land wandeln!“ Yobhmödis richtete sich auf und sah dem Fremden unverwandt ins Gesicht. „Traduk’ka war immer frei – ein Sicherer Hafen für die, die nirgendwo anders hin können. Wir werden uns keinem Herrn unterwerfen! Und wir werden unser Land verteidigen, bis die schwarzen Fluten uns endgültig verschlingen!“ „Dann kämpft weiter ihr Narren – aber rechnet damit, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis genau das geschieht! Der König wird sich erheben und die schwarzen Wasser des Kanolya werden eure armselige Siedlung verschlingen. Die Zeit kommt!“ Yobhmödis schüttelte den Kopf über so viel Verblendung. „Und ihr? Was wird aus euch? Wird er euch beschützen? Oder wird er euch nicht ebenso verschlingen?“ „Ja, das wird er!“ Trotz des dämmrigen Lichts konnte die Sumpfgenossin den fiebrigen Glanz in den Augen des Nachtschatten erkennen. „Ja – er wird uns verschlingen, der Sumpf wird uns in sich aufnehmen wie der Schoß einer Mutter – und unsere unsterblichen Seelen werden an seinem Tisch sitzen, wenn er seine Herrschaft beginnt! Nichts Schöneres könnte ich mir wünschen!“ Immer noch kopfschüttelnd ließ Yobhmödis den Fremden stehen. „Ihr seid wahnsinnig, hört ihr?“ rief sie ihm über die Schulter zurück ehe sie ihren Weg fortsetzte. Doch von ihm kam als Antwort nur ein lautes Lachen, das über die in der Düsternis verschwindenden Hütten Traduk’kas schallte, das Plätschern des ansteigenden Sumpfwassers übertönend.

Während Yobhmödis ihre Hütte aufsuchte, schleppte Strybald sich noch einige Schritte weiter – nicht direkt zu seinem Strohsack in der Arbeiterbaracke, nach dem er sich schon seit Stunden sehnte. Denn er wusste – trotz aller Erschöpfung würde er wieder keine Ruhe finden – seine Angst vor dem, was da kommen würde, war zu groß. Und so wollte er zunächst ein wenig vom Rauch der Mondblüte genießen, die er heute gefunden hatte und Geist und Seele in der Kammer der Stille stärken. Doch als er die Tür zur Kammer erreichte, musste er feststellen, dass sich diese nicht mehr öffnen ließ. Wer könnte sie verschlossen haben? Er zog noch einmal – und es gelang ihm, sie einen Spalt zu öffnen. Ein bläulicher Schimmer drang heraus – und er hörte sphärische Gesänge, wie von Feen, die von Dämonen gefoltert werden… Strybald packte die Angst – was ging mit der Kammer vor? Er lugte durch den Spalt und obwohl er kaum etwas erkennen konnte, stellte er sofort fest, dass die Kammer sich veränderte. Schon wieder. Es schien, als sei in ihrer Mitte ein großer länglicher Gegenstand aufgetaucht – wie ein Altar, ein Sarkophag oder ein Podest. Von diesem ging das blaue Strahlen aus. Und wirbelnde Geister schienen die Kammer zu durchstreifen, sie neu zu gestalten… Bevor diese seiner gewahr werden konnten, schlug Strybald die Tür wieder zu und floh, floh vor der Kammer, vor den Schrecken des Sumpfes, vor den Nachtschatten, die die Herrschaft in Traduk’ka an sich gerissen hatten… auf sein Lager, wo Alpträume ihn quälten bis zum nächsten Tag voller sinnlosen Ankämpfens gegen den übermächtigen Sumpf…