Auf die Vertreibung des Sumpfkönigs vor 55 Jahren folgte eine Zeit des Friedens und des Wohlstands in den rabensteynschen Landen. Der vormals so bedrohlich und unüberwindbar wirkende Sumpf schien seinen Schrecken verloren zu haben. Zwar waren die Pfade durch den Sumpf nach wie vor schwer zu finden, der Boden vielerorts trügerisch und noch immer tauchten tückische Sumpflöcher immer wieder dort auf, wo unvorsichtige Wanderer sie nicht erwartet hatten. Aber es waren die normalen Gefahren eines schwierigen Geländes, denen die Sumpfläufer sich gegenüber sahen – keine feindliche, verborgene Macht, die die dunkelste Seite einer wilden Natur hervorbrachte. In jenen Tagen des Aufschwungs schien den Menschen Rabensteyns vieles möglich – sogar, den Sumpf auf ewig zurückzudrängen, neu gewonnenes Land urbar zu machen und fruchtbare Böden für die Landwirtschaft zu erschließen. Und so wagten sich immer mehr Sumpfläufer immer tiefer in den Sumpf, drangen an vielen Stellen bis zum Hauptarm des Kanolya vor und erkundeten nach und nach das gesamte Gebiet am Westufer des großen Flusses. An besonders gut geeigneten Stellen wurden einfache Rastplätze errichtet – zunächst nur kleine Unterstände, wo die Sumpfläufer unterschlüpfen konnten, wenn das Wetter plötzlich umschlug, dann erste Schutzhütten, in denen auch Vorratslager eingerichtet wurden. An einem dieser Orte, recht weit im Süden, dort wo Rabensteyn und Tawash aneinander stoßen, erwies sich der trockene und feste Grund als groß genug, dass eine regelrechte Herberge errichtet werden konnte – Traduk’Ka, der Sichere Hafen, wurde jener Ort seither genannt.

Das Rasthaus wurde zum bedeutendsten Treffpunkt für die Sumpfläufer im Süden der rabensteynschen Lande und zu einem wichtigen Umschlagplatz für den Handel mit Tawash und seinen Häfen am Kalten Meer. Und so kam es, dass bald die ersten Sumpfläufer sich Traduk’Ka als dauerhaften Wohnort erwählten, kleine Hütten errichteten und sich dort niederließen. Einige von ihnen gingen nun von dort aus ihren Geschäften nach. Andere beschlossen, das Sumpflaufen an den Nagel zu hängen und legten kleine Gärten an oder hielten Hühner und Ziegen. Entwässerungsgräben wurden gezogen, Schleusen gebaut und Dämme errichtet, die das bebaubare Land weiter vergrößerten. Mit der Zeit wuchs Traduk‘Ka zu einer stattlichen kleinen Siedlung, die nicht nur ein auskömmliches Leben versprach, sondern auch eine gewisse Freiheit von der harten Hand, mit der die Rabensteyns auch damals schon das Land regierten – kannten sich doch nur wenige der Schwarzen Klingen ausreichend im Sumpf aus, um die Bewohner Traduk’Kas allzu oft zu behelligen. Und so zog der Sichere Hafen im Sumpf auch Freigeister und Gelehrte an, die in Rabensteyn der Verfolgung durch die Obrigkeit ausgesetzt waren und sogar Magiekundige, die sich vor den Fängen des aufstrebenden Hofmagiers Vormex in Sicherheit brachten – denn dieser verstand es nur zu gut, sich unliebsame Konkurrenten vom Hals zu schaffen. Traduk‘Ka  wurde so mehr und mehr nicht nur ein Ort des Friedens und des Wohlstands, sondern auch des Wissens und der Weisheit.

Mit dem stetigen Anwachsen der bebauten Fläche wurde der Erhalt der Gräben und Dämme eine immer wichtigere Aufgabe. Und  so beschlossen die Bewohner Traduk‘Kas irgendwann, dass nicht mehr jeder allein für den Schutz seines dem Sumpf abgetrotzten Grundstücks verantwortlich sein sollte. Stattdessen gründeten sie die „Genossenschaft und Kongregation der Sumpfbauern zu Traduk’Ka“, kurz: die Sumpfgenossenschaft, eine Vereinigung gleichberechtigter Bürger der kleinen Siedlung, in der die Aufgaben zum Erhalt des Landes, aber auch die Erträge aus Landwirtschaft und Handel gerecht aufgeteilt wurden. Alle Entscheidungen treffen die Sumpfgenossen gemeinschaftlich – und obwohl sich die Bedingungen im Sumpf im Vergleich zu den Gründungsjahren deutlich verschlechtert haben, hält die Genossenschaft noch immer genauso fest zusammen wie zu Beginn. Und noch immer regeln die Bewohner Traduk’Kas ihre Angelegenheiten ohne Bürgermeister, Oberhaupt oder Büttel – als Gemeinschaft der Gleichen.

Seit mit dem Fall des Schreins am Opferkreuz das Vordringen des Sumpfes eine bisher ungekannte Intensität erreicht hat, fällt es den Sumpfgenossen jedoch zunehmend schwer, ihre Siedlung gegen die vordringenden Fluten zu verteidigen. Besonders schlimm war es Anfang August, als nach mehreren Tagen Dauerregens der gesamte östliche Teil der Siedlung, der als Ackerfläche und Viehweide genutzt worden war, im brackigen Wasser versank. Der Rat der Sumpfgenossen beschloss daraufhin, Tagelöhner aus Rabensteyn, Uthang und Tawash anzuwerben, die mithelfen sollten, höhere Dämme zu errichten und das Land zu sichern. Seither konnte der Vormarsch des Sumpfes verlangsamt werden. Doch gestoppt ist er nicht – und in Traduk’Ka geht Angst um: Angst, dass die Tage des friedlichen Lebens in Eintracht und guter Nachbarschaft bald gezählt sein könnten.